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(aus: Leselust (Thornbecke miniaturen) Ostfildern 2006, S. 37)

 

 

"Der Mensch ist aus krummem Holz geschnitzt": dieser schöne Satz hört sich an, als ob er in der Bibel stünde; er stammt aber von Immanuel Kant aus Königsberg. Wenn der Philosoph recht hat – und wer wollte das bezweifeln -, so wird das auch für die schönste und folgenreichste Erfindung der Menschen gelten, für die Sprache. Mit keiner Logik ist ihr beizukommen. Zwar folgt sie tausenderlei Regeln, aber die einzige Regel, der sie ohne Ausnahme gehorcht, ist die, dass sie keine Regel ohne Ausnahmen kennt. Sie blüht und gedeiht wie ein Baum, der fast so groß ist wie die Welt. Und dass jeder Baum sich von jedem anderen unterscheidet, dass jeder Ast sich dahin wendet, wo es ihm passt, und dass es keine zwei Blätter gibt, die einander gleichen, ist schließlich kein Nachteil; es garantiert die Variabilität und damit das Überleben der Pflanzen. Und das gilt auch für die schätzungsweise sechs- oder siebentausend Sprachen dieser Erden.

 

(Andreas Thalmayr; Heraus mit der Sprache, München, Wien 2005, S. 12f)

 

letzte Änderung: 24.07.2013

 

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